Der innerdeutsche Flugverkehr ist seit der Corona-Pandemie rückläufig. Doch notwendige Investitionen in die Schieneninfrastruktur bleiben weiter aus.
Es gab eine Zeit, als der Schienenfernverkehr dem Staat richtig viel Geld einbrachte, anstatt ihn nur welches zu kosten. Doch dann kamen Automobil und Flugzeug. Davon hat sich die Bahn nie wieder erholt, obwohl sie mit großem Abstand das umweltfreundlichste Verkehrsmittel (hinter Fahrrad und Fußgänger) ist. Im Angesicht der auch über Deutschland hereinbrechenden Klimakatastrophen erscheint es aber umso wichtiger, sich der Schiene zu erinnern.
Der Flugverkehr und das hohe Lkw-Aufkommen gelten in Deutschland als die schlimmsten Umweltverschmutzer und Mitverursacher des Klimawandels. Vor dem Hintergrund zunehmender Umweltveränderungen und globaler Krisen nimmt die Diskussion weiter fahrt auf, den innerdeutschen Flugverkehr einzustellen. Die CDU-Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hält derlei für nicht ausgeschlossen. Der Bundesverband der Luftverkehrswirtschaft aber setzt auf mehr Kooperation von Fliegerei und Schiene.
Einige Folgen des Klimawandels seien nicht mehr abwendbar, sagte die Ministerin. Sie verwies auf die Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Es bestehe die Verpflichtung, sich dem Klimawandel entschiedener als bisher entgegenzustellen, sagte die Ministerin. Anja Karliczek ist sich einig mit den Grünen und sogar mit ihrer eigenen Partei, dass bei einer Einstellung des innerdeutschen Flugverkehrs die Schiene stark ausgebaut werden muss.
Die Münsteranerin formulierte es so: „Wenn man sagt, wir wollen keinen innerdeutschen Flugverkehr mehr, dann muss man den Personenverkehr effizienter organisieren und weitere neue Schnellstrecken bauen.“ Und, so die Ministerin weiter, es dürfe keine weitere drei Jahrzehnte dauern, bis die zur Verfügung stehen. Das sei eine Entscheidung, die im neuen Bundestag in einem nächsten Koalitionsvertrag fixiert werden müsse.

In den letzten sechs Jahrzehnten waren es ausgerechnet CDU/CSU geführte Regierungen, die zusammen mit einem willfährigen und unfähigen dafür umso teureren Bahnmanagement für einen massiven Abbau des Schienenverkehrs gesorgt haben. Die Folge: Tausende Kilometer Gleise wurden abgebaut, Bahnhöfe verwahrlosten, die Bahn wurde unzuverlässiger und unpünktlicher.
Seit den 1950er Jahren schrumpfte das Schienennetz im Bereich der heutigen Bundesrepublik von 52.000 km auf 33.400 km, das sind zusammen rund 36 %. Zwar ist der Schienenverkehr die Nummer zwei im deutschen Verkehrssystem. Im Güterverkehr betrug sein Marktanteil im Jahr 2020 gut 16 % und im Personenverkehr ca. 10 %.
Alle innerdeutschen Flüge auf die Schiene zu verlagern wäre kurzfristig kaum machbar. Dafür gibt es eine Reihe von Argumenten.
Gegen übervolle Züge könnte die Bahn schon etwas tun, indem sie zu Stoßzeiten mehr oder längere Züge (bei ICE 3 z.B. Doppeltraktionen) einsetzen würde. Aber die Bahn hat nicht genügend ICE-Züge. Und bei den IC muss man konstatieren, dass die DB in den letzten zwei Jahren etliche Hundert IC-Wagen ausrangiert und teils verkauft hat.
Am Willen der Reisenden liegt es jedenfalls nicht. Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 würden die meisten Deutschen innerdeutsch lieber Zugfahren anstatt zu fliegen, wenn die Reisedauer gleich lang wäre.
Deutschland steckt weiterhin deutlich weniger Geld in sein Schienennetz als andere Länder und rangiert im europäischen Vergleich von zwölf Ländern ganz hinten. Die Schweiz investiert pro Kopf fünf Mal mehr, Spitzenreiter Luxemburg fast das Siebenfache. Das zeigt eine neue Studie der Hamburger Beratungsfirma SCI Verkehr und des Bündnisses Allianz pro Schiene (ApS), zu dem zwei Dutzend Umwelt- und Verkehrsorganisationen sowie 150 Unternehmen gehören.
Mit 587 Euro pro Bürger lässt sich Luxemburg einen attraktiven Bahnverkehr mit Abstand am meisten kosten. Das kleine Land hat wegen vieler Autopendler massive Verkehrsprobleme und will mit Verlagerung auf die Schiene auch Umwelt und Klima besser vor Emissionen schützen. Platz 2 belegt die Schweiz mit 440 Euro pro Einwohner. Dahinter folgen Österreich (249), Norwegen (228), Schweden (220), Dänemark (141), die Niederlande (132), Großbritannien (131) und Italien (120).
In Deutschland flossen 2020 pro Kopf 88 Euro in die Schiene, ein Sechstel mehr als im Vorjahr und doch viel zu wenig. Nach wie vor vernachlässigte die noch amtierende Bundesregierung das zweitwichtigste Verkehrsnetz, wie viele Jahrzehnte zuvor, massiv.
Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hat sich mit der Deutschen Bahn (DB) verabredet, die Ko-Modalität zu stärken. BDL und DB sind sich dabei einig, dass die Verkehrsträger so vernetzt werden sollen, dass ihre jeweiligen verkehrlichen, ökonomischen und ökologischen Vorteile optimal genutzt werden können.
Der CO2-Ausstoß ist im Schienenverkehr deutlich geringer als im Flugverkehr. Folglich führen ein verbessertes Zusammenwirken der Verkehrsträger und eine daraus resultierende veränderte Verkehrsmittelwahl auch zu einer deutlichen Minderung der im Verkehr verursachten Treibhausgase. Beide Verkehrsträger arbeiten ferner intensiv an der Verbesserung ihrer jeweiligen CO2-Emissionen.
So wird im Zeitraum bis 2030 der Luftverkehr seine Treibstoffeffizienz weiter, wie bisher, um jährlich 1,5 % p/a steigern. Im Schienenverkehr werden die Elektrifizierung und Nutzung alternativer Antriebe weiter ausgebaut. Der Bahnstrom soll bis 2030 zu 80 % und bis 2038 komplett aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden. Im Fokus steht die Zusammenarbeit im innerdeutschen Verkehr.
2019 war der innerdeutsche Luftverkehr mit einem Aufkommen von 23,1 Mio. Reisenden verbunden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen zwei Segmenten: dem Zubringerverkehr für internationale Flüge mit rund 8 Mio. Reisenden; dem Lokalverkehr, d. h. einer reinen Inlandsreise ohne Umstiege, mit rund 15 Mio. Reisenden.
Heute konzentrieren sich innerdeutsche Flüge auf längere Strecken, d. h. dort, wo die Reisezeit auf der Schiene es den Reisenden nicht ermöglicht, einen Termin an einem Tag wahrzunehmen. Auf kurzen Strecken wird der Luftverkehr fast ausschließlich von international umsteigenden Passagieren genutzt.
Mit der Umsetzung der Maßnahmen soll das gesamte Verkehrssystem für die Kundinnen und Kunden attraktiver gemacht und auch ein gemeinsamer Beitrag dazu geleistet werden, die Klimaziele des Bundes erreichen zu können. Mit einem Infrastrukturausbau auf weiter hohem Niveau, leistungsstarken attraktiven Angeboten und verbesserten gemeinsamen Services entlang der Reisekette lässt sich das Mobilitätsangebot attraktiver machen und die Kundenfreundlichkeit steigern.
Dies birgt laut BDL und DB auch das Potenzial, dass 4,3 Mio. Reisende statt dem Flugzeug die Schiene wählen. Dadurch ließen sich die CO2-Emissionen im innerdeutschen Luftverkehr um ein Sechstel verringern.
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