Das Auto ist für viele Beschäftigte noch immer das wichtigste Verkehrsmittel für den Arbeitsweg. Doch immer mehr Unternehmen schaffen Anreize für klimafreundlichere Alternativen. Vier Beispiele aus der Praxis.
Immer mehr Unternehmen geben Impulse für nachhaltiges Pendeln und verbessern damit gleichermaßen ihre CO2-Bilanz, Reputation und Mitarbeiterzufriedenheit. Vier Vorreiter und ihre wichtigsten Maßnahmen im Überblick.
Outdoor-Ausrüster Vaude ist für sein Nachhaltigkeits-Engagement bekannt und setzt auch bei der Mitarbeitermobilität Maßstäbe. Seit 2012 beschäftigt sich das Unternehmen intensiv mit diesem Thema. Vaude erfasst alle klimaschädlichen Emissionen der weltweiten Lieferketten für Vaude-Produkte in der jährlichen Klimabilanz, um diese auf Basis einer wissenschaftsbasierten Net-Zero-Strategie kontinuierlich zu reduzieren.
Das Pendeln der Mitarbeitenden gehört zu den indirekten Scope 3-Emissionen, konkret zu Kategorie 7 des Greenhouse Gas Protocol. „Die durchschnittliche Entfernung zwischen den Wohnorten unserer Mitarbeitenden und unserem Stammsitz in Tettnang beträgt etwa 14 Kilometer. Das summiert sich auf über zwei Millionen Pendelkilometer im Jahr“, sagt Hilke Patzwall, Leitung Nachhaltigkeitsmanagement. Gut also für Umwelt und Gesamtgesellschaft, wenn diese Strecken möglichst emissionsarm, also ohne PKW mit Verbrennungsmotor zurückgelegt werden.

Vaude setzt gezielt Anreize für das Fahrradpendeln, denn Radfahren verbindet klimafreundliche Mobilität mit gesundheitsfördernder Bewegung. Bereits seit 2015 steht allen Mitarbeitenden das JobRad-Angebot offen. Mehr als 220 Teammitglieder – über ein Drittel der Belegschaft – haben sich seitdem dafür entschieden. JobRad bedeutet: Arbeitgeber leasen Fahrräder oder E-Bikes für ihre Beschäftigten, die diese uneingeschränkt nutzen können. Die Leasing-Rate wird über eine Gehaltsumwandlung aus dem Bruttogehalt finanziert, was steuerliche Vorteile bringt. Seit 2024 wird für Vaude-Beschäftigte auf Wunsch sogar ein zweites JobRad geleast, etwa ein zusätzliches S-Pedelec, das längere Strecken erleichtert. Die Mitarbeitenden können außerdem kostenlos auf unternehmenseigene E-Bikes auf dem Gelände mit Solarstrom vom Firmendach laden. Ihnen stehen eine Fahrradgarage, eine Reparaturwerkstatt mit „Schlauchomat“ und Werkzeug sowie Umkleiden und Duschen zur Verfügung. Ergänzend bietet Vaude Fahrtechnik- und Reparaturkurse an.

Keine Frage: Ländlich gelegene Unternehmensstandorte stellen in Sachen Erreichbarkeit eine Herausforderung dar. Häufig punktet der PKW hier mit enormen Zeitvorteilen gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln. Vaude hat daher eigens für den Tettnanger Ortsteil Obereisenbach eine Buslinie initiiert. Die Berufspendlerverbindung ist stündlich zwischen 7 und 18 Uhr getaktet. Beschäftigte aus den Gebieten Tettnang, Friedrichshafen und Ravensburg sind dadurch besser an den ÖPNV angebunden.
Das Beispiel zeigt: Betriebliches Mobilitätsmanagement muss nicht an der Unternehmensgrenze enden. Die Bildung von Akteursnetzwerken – etwa mit anderen Unternehmen/Organisationen, Kommunen und Verkehrsverbünden – kann hilfreich sein, um gemeinsam mehr zu erreichen.
Fahrgemeinschaften belohnt Vaude mit reservierten Parkplätzen direkt vor der Tür. Die Berufspendler können über Online-Fahrgemeinschafts-Plattformen zusammenfinden. Das Land Baden-Württemberg beispielsweise hat eine solche Plattform geschaffen. Für Alleinfahrer sind die Parkplätze bei Vaude hingegen etwas weiter entfernt, seit im Zuge des Büro-Neubaus 65 Parkplätze zugunsten eines begrünten Campus mit Kletterwand weggefallen sind. Private E-Fahrzeuge können Mitarbeitende während der Arbeitszeit zu einem günstigen Preis auf dem Firmengelände laden.
Vaude verlost monatlich einen Sachpreis unter allen Mitarbeitenden, die nachhaltig zur Arbeit kommen. Um teilzunehmen, tragen die Beschäftigten im Intranet die Pendelstrecke ein, die sie zu Fuß, mit dem Rad, E-Bike, ÖPNV oder per Fahrgemeinschaft zurückgelegt haben. Mehrwert für Vaude: Das Unternehmen profitiert von konkreten Daten für die Erstellung der Klimabilanz.

Auch der Pharmadienstleister Vetter berechnet die Emissionen des Pendelverkehrs und kam dabei zuletzt auf einen Anteil von etwa 2,4 Prozent. Ein Wert, der vergleichsweise überschaubar klingt. Abhängig von Branche und Lage sind diese Anteile bei anderen Unternehmen teils deutlich höher.
Dennoch ist Vetter Pharma an seinem Heimatstandort Ravensburg für den ein oder anderen Stau verantwortlich, wie Lukas Bucher, Abteilungsleiter Corporate Mobility, unumwunden zugibt. „2018/2019 haben wir daher erstmals eine Mobilitätsumfrage unter unseren Mitarbeitenden gestartet. Wir haben die Pendlerströme analysiert, aber auch Bedürfnisse erfragt.“
Der Wunsch nach besserer Fahrradinfrastruktur stand an erster Stelle. Vetter investierte daraufhin in 950 wettergeschützte, sichere Fahrrad-Stellplätze, -Ladestationen, Duschen und Umkleiden. Steigende Nutzungsraten bei den Ladesäulen und JobRad-Leasing-Verträgen zeugen ebenso von der Wirksamkeit der vielfältig ergriffenen Maßnahmen wie die erhöhte Anzahl an Deutschlandticket-Abos, deren Kosten Vetter zu 100 Prozent übernimmt. „Genauere Daten haben wir aber erst nach unserer nächsten Mobilitätsumfrage. Aufgrund des Aufwands können wir diese nicht jährlich wiederholen“, erklärt Lukas Bucher.

Die Männermode-Marke Olymp aus Bietigheim-Bissingen (über 800 Mitarbeitende) verfolgt ebenfalls eine Klimastrategie. Sämtliche Treibhausgasemissionen werden fortlaufend erfasst. „In der Kategorie ‚Pendeln der Mitarbeitenden‘ liegen die CO2e-Emissionen derzeit bei 893 Tonnen“, berichtet COO Johann Trischberger.
„Um den Wert weiter zu senken, unterstützen wir verschiedene Mobilitätsangebote wie Fahrradleasing und -stellplätze, ermutigen zu Fahrgemeinschaften und stellen Ladeinfrastruktur für Elektroautos zur Verfügung, die unsere Teammitglieder auch für private Fahrzeuge nutzen können. Ein weiteres wichtiges Instrument sind flexible Homeoffice-Regelungen.“

Dass hybride Arbeitsformen einen großen Hebel darstellen, bestätigt Hannes Davieds, Leiter Mobilitätsmanagement bei der Wiesbadener R+V Versicherung AG: „Die Möglichkeit, auch nach der Coronazeit im Homeoffice zu arbeiten, war definitiv bisher die effektivste Maßnahme.“ Dabei bietet auch die R+V, die Pendleremissionen seit 2019 berechnet, zahlreiche Angebote, um vom Auto auf andere Arten der Fortbewegung umzusteigen. „Wir führen jährlich einen Mobilitätstag durch, um unseren Beschäftigten diese Optionen vorzustellen“, betont Hannes Davieds und zählt auf: das Deutschland-Jobticket, das mittlerweile an 2.239 Beschäftigte ausgegeben wurde, JobRad bundesweit, Fahrradabstellanlagen und -reparatursäulen an allen Wiesbadener Standorten sowie Umkleide- und Duschmöglichkeiten im Gebäude der Unternehmenszentrale. Auch die Bike-to-Work-Challenge in Wiesbaden wird unterstützt.
Bereits seit 2017 ermöglicht die R+V ihren Mitarbeitenden, das private Elektrofahrzeug zu laden. Außerdem engagiert sich der Versicherer in der Wiesbadener Initiative für nachhaltige betriebliche Mobilität (WiNaMo), in der sich Unternehmen und Institutionen gemeinsam für ein umweltfreundliches und effizientes Mobilitätsmanagement stark machen.
„Änderungen der Gewohnheiten brauchen zumeist Geduld. Wenn Mitarbeitende gute Erfahrungen mit den Alternativen gemacht haben und dies auch weitergeben, dann kann das andere anstecken. Wichtig sind die richtige Bedarfsermittlung und Kommunikation“, unterstreicht Hannes Davieds. „Die R+V prüft laufend neue Maßnahmen, die wir vor dem Roll-out mit kleinen Zielgruppen testen.“
Das Spektrum an Möglichkeiten, das Pendeln zur Arbeit nachhaltiger zu gestalten, ist hoch. Über die vorgestellten Maßnahmen hinaus zählen Mitarbeiterwohnungen nah am Firmensitz ebenso zu den Optionen wie Radschnellwege, Shuttleverbindungen zu Verkehrsknotenpunkten oder Mobilitätsbudgets, also ein monatliches Guthaben, das Mitarbeitende frei nach tagesaktuellen Vorlieben für verschiedene Verkehrsmittel einsetzen können. Unternehmen können sich bei der Erarbeitung eines passgenauen Mobilitätskonzepts begleiten lassen. Dazu gibt es auf Bundesebene („mobil gewinnt“) sowie in zahlreichen Bundesländern Programme zum betrieblichen Mobilitätsmanagement. Beispiele sind „Besser zur Arbeit“ in der Region Frankfurt RheinMain und Hessen oder das „Zukunftsnetz Mobilität NRW“.

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