Neue Optionen, Zielgruppenbedürfnisse und bald die Pflicht zu Nachhaltigkeitsnachweisen: Was treibt flexible Mobilitätsbudgets? Anbieter berichten.
Ums Reisen geht es ständig. Zum einen, um den Ort zu wechseln, zum Beispiel zwischen Zuhause und Arbeitsplatz. Zum anderen, um die Zielfunktion eines Produkts zu erreichen, beispielsweise zwischen dem Start einer Mobilitäts-App und dem Auslösen einer Abrechnung für den Arbeitgeber. In beiden Fällen erleben wir eine Journey. Aber bei letzterer, im Business-Deutsch genannter "User Journey", ist es noch ein bisschen wichtiger, wenn sie "seamless" abläuft: nahtlos.
Auch Nicola Büsse nutzt diesen Begriff, wenn sie von jüngsten Kooperationen ihres Unternehmens mit Anbietern öffentlicher Verkehrsmittel erzählt. Mobiko bietet Arbeitgebern eine digitale Plattform für das Managen von Mitarbeiter-Mobilitätsbudgets (Details zu Mobiko: siehe Kasten). Vergleichbare Anbieter im deutschsprachigen Markt sind Navit, Bonvoyo oder Belmoto.
Wer also zum Beispiel über die App des Rhein-Main-Verkehrsverbunds RMV ein Ticket kauft, kann diesen Erwerb nun über einen eigenen Button direkt – nahtlos reisend – mit der Mobiko-App und damit mit dem Mobilitätsbudget des eigenen Arbeitgebers verknüpfen. "Suchen, buchen, abrechnen", überschreibt die 37-jährige CEO diese Nahtlosigkeit.
Diese Verknüpfung ist ein Beispiel für die Evolution eines größeren Konzepts, das sich seit einigen Jahren in Deutschland zunehmend durchsetzt: Das Mobilitätsbudget ist ein Instrument mit vielen Ausprägungen. Es ist ein Mobilitätsbuffet, das manche Anbieter als Dienstwagen-Alternative, als dessen Ergänzung oder als freiwilligen Benefit definieren.
Andere sprechen von einem generellen Benefit für Mitarbeitende – und Dritte spezifizieren je nach Unternehmen die Angebote für motorisierten Verkehr, für Räder oder Scooter, für den öffentlichen Verkehr, für Zusatzkosten wie Sprit oder Reparaturen, manchmal sogar für andere Benefits wie Zuschüsse für Fitnessstudios.
2023 hatte SAP dieses flexible Budget als erstes großes Unternehmen in Deutschland nach einer dreijährigen Pilotphase eingeführt. Studien zeigen, dass die Zahl der deutschen Unternehmen mit einem solchen Angebot steigt – langsam.
Am ehesten greifen Mitarbeitende bei diesem Buffet zu einer Lösung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In den Studien zum Mobilitätsmix seiner Kunden verzeichnet zum Beispiel Mobiko 2024 (2022):
Die meisten Antwortmöglichkeiten dieser Erhebungen variieren je nach Wohn- und Arbeitsort der Mitarbeitenden. Ein Wert aber bleibt eine Ausnahme: "Über alle unsere Mobilitätsbudget-Nutzer hinweg sehen wir heute den Anteil der gesamten ÖPNV-Nutzung bei rund 50 Prozent", erzählt Büsse.
Also setzt Mobiko bei seinem Angebot flexibler Mobilität auch auf Kooperationen mit öffentlichen Verkehrsträgern. Neben München ist das zum Beispiel der Rhein-Main-Verkehrsverbund, mit dem Mobiko seit Ende 2024 das "RMV-Mobilitätsbudget powered by Mobiko" anbietet. Die Vision dahinter: "Wir wollen auf der einen Seite Systemoffenheit bewahren", erklärt Nicola Büsse. Mitarbeitende sollen immer noch völlige Freiheit in der Wahl ihrer Mobilitätsdienstleister haben. Aber um das Mobilitätsbudget mit ÖPNV-Fokus weiterzuentwickeln, arbeitet Mobiko mit Multiplikatoren zusammen. Die Idee dahinter ist ein Mobilitätsbudget, das mehrere Anbieter gemeinsam schultern – mit demselben Ziel: mehr Menschen in Busse, Züge und Bahnen zu bringen.
Und das mit möglichst wenig Aufwand. Als Beispiel nennt Büsse den Fall einer Genossenschaftsbank, die ihren 360 Mitarbeitenden an 18 Standorten Zuschüsse für das Deutschlandticket anbot, aber mit Verwaltung und Nutzung unzufrieden war. Die Erkenntnis nach einer Analyse des Zielgruppenverhaltens: Nicht jeder Mitarbeitende braucht ein Abo, viele bevorzugen Einzelfahrscheine. Die Lösung: ein flexibles, digital abgerechnetes ÖPNV-Budget pro Mitarbeitendem. Und für die Arbeitgeber nahtlosere Abrechnungen – sowie 40 Prozent mehr Fahrten mit dem ÖPNV.
Einen anderen Ansatz der Mobilitätsbudget-Entwicklung sieht Max Kolle. Der Vertriebsdirektor von Belmoto definiert das Konzept so: "In dem Moment, in dem ein Mitarbeiter ein Fahrzeug zugeteilt bekommt, spreche ich ihm im Prinzip ein Mobilitätsbudget aus – nur eben rein fahrzeugbezogen und ohne Wahlfreiheit", sagt der Vertriebsdirektor von Belmoto (siehe Kasten). Unabhängig von der Individualität der Kunden empfiehlt Kolle, vom Auto aus zu denken: "Ich gebe dem Mitarbeiter erstmal den Anspruch auf den Dienstwagen – mit zum Beispiel der Option auf ein kleineres Auto – und die Idee, das Ersparte steueroptimiert umzuwandeln und für andere Mobilitätsoptionen zu nutzen."
Wie diese Logik funktionieren kann, zeigt das Beispiel NTT Data. 2022 führte der IT-Dienstleister mit Belmoto ein flexibles, elektrifiziertes Mobilitätskonzept ein. Mitarbeitende konnten wählen: Dienstwagen behalten, verkleinern oder auf andere Optionen umsteigen. Das Ergebnis:
Bei den typischen Zielgruppen Dienstwagennutzer, Downsizer, Multimodaler und Minimalist dominieren Nummer 1 und 2. "Sich das Geld einfach auszahlen zu lassen – das macht kaum jemand." Und: "Wir sehen diese Zahlen in ähnlicher Größenordnung auch bei vielen anderen Unternehmen."
Belmotos Fazit: "Downsizing funktioniert, wenn man Wahlfreiheit schafft." Und: "Mit dieser Herangehensweise decken wir mehr als 90 Prozent der Mobilitätsbedürfnisse aller Mitarbeitenden ab. Und senken die Kosten für die Unternehmen um bis zu 20 Prozent und die Emissionen um bis zu 100 Prozent."
Zurück zu Büsse und Mobiko – und einem Entwicklungstreiber des Mobilitätsbudgets, der für die meisten Unternehmen der wichtigste ist: Kosten einsparen.
Zum einen über die Steuer. „Bestimmte Mobilitätsformen genießen im deutschen Steuerrecht Befreiungen oder Begünstigungen“, erklärt Büsse. Arbeitgeber sparen zum Beispiel Sozialabgaben, wenn sie ÖPNV-Tickets bezuschussen oder ein Dienstrad zur Verfügung stellen. Sie zahlen weniger Steuern, wenn sie E-Autos anbieten (nur bis zu 0,5 Prozent des Bruttolistenpreises werden versteuert statt 1 Prozent bei Verbrennern). Mitarbeitende können zudem Carsharing oder E-Scooter bis zu 50 Euro im Monat steuerfrei nutzen.
Zum anderen sparen Unternehmen durch jedes Auto, das vom Hof verschwindet und durch ein Mobilitätsbudget ersetzt wird. „Ein Mobilitätsbudget muss keine Reifen wechseln.“
Und schließlich profitieren Unternehmen von Vereinfachung. Das wachsende Hauptproblem aus Mobiko-Sicht: „Wir haben vermehrt mit größeren Unternehmen zu tun, in denen verschiedene Personen verschiedene Mobilitätslösungen gesteuert haben.“ Die Folge bei gleichzeitig wachsenden Mobilitätsoptionen und neuen Zielgruppenbedürfnissen: der Wunsch nach Konsolidierung – und immer öfter die Frage: „Kann ich mit einer Budgetlösung individuelle Bedürfnisse zulassen, sie aber ganz auf einer Plattform managen?“, berichtet Büsse.
Digitale Mobilitätslösungen reduzieren Personalkosten und bündeln Mobilitätsdaten an einem Ort. Diese Daten werden zunehmend wichtiger, Stichwort: Nachhaltigkeitsnachweise.
Das betrifft Unternehmen, die sich regulatorisch verantworten müssen. Aber auch Unternehmen, die Aufträge gewinnen wollen."Wir hören immer mehr, dass Dienstleister diese Daten brauchen, um überhaupt von einem großen Unternehmen beauftragt zu werden", erzählt Büsse.
Auch Belmoto bereitet sich auf diesen Trend vor. So könnte sich die Kooperation des Mobilitätsanbieters mit Expense Brain zur ESG-Berichterstattung in Zukunft auszahlen, "sobald Scope 3 berichtspflichtig wird", sagt Max Kolle. Unter diese Emissionsquelle fällt unter anderem der Berufsverkehr von Beschäftigten.
Wie erleben Büsse und Kolle den Wert eines Mobilitätsbudgets für die Marke eines Unternehmens? Hilft so ein Angebot in Zeiten von Fachkräftemangel? Eindeutige Antwort: jein.
Büsse findet ja. Denn mit so einem Angebot kann man "eine ganz andere Story setzen, weil du dich als moderner Arbeitgeber positionierst". Das ist ein Arbeitgeber, der die unterschiedlichen Mobilitätswünsche seiner künftigen Mitarbeitenden ernst nimmt, und der nicht nur einfach eine Cash Allowance hinlegt, sondern der sich Gedanken macht zu einer wichtigen Zukunftsfrage: Wie bewegen wir uns durch die Welt?
Auch Kolle bejaht, allerdings mit vereinzelt gegenläufigen Beispielen: "Um diesen einen neuen Mitarbeiter zu kriegen, mussten wir dem jetzt einen X5 zusagen." Der war zwar in der Car-Policy nicht vorgesehen, aber man brauchte dieses Talent unbedingt.
Die Grenzen des Konzepts liegen in Ausnahmen und in der Geografie. "Bei sehr ländlichen Unternehmen kann es am besten sein, den Mitarbeitern einfach eine Tankkarte in die Hand zu drücken", sagt Büsse.
Aber auch dafür gibt es ein Schlupfloch: Über einen Heimlademanager erfassen Mitarbeitende, wie viel Strom sie privat geladen haben. Die Kosten dafür werden erfasst – und mit dem nächsten Gehalt ausgezahlt.
Bei aller Flexibilität eines Mobilitätsbudgets bleibt also das Auto? Max Kolle: "Wir werden es immer brauchen, vor allem in ländlichen Räumen. Die Frage ist nur: Wie groß muss es dafür sein?" Er fügt hinzu: "Manchmal ist die beste Mobilität die vermiedene."

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